Die Heilungsphasen des Bindegewebes

Bindegewebe stellt eine der 4 Grundgewebearten dar. Neben Bindegewebe besteht der menschliche Organismus noch aus Nervengewebe, Muskelgewebe und Epithelien (Oberflächengewebe).

Zum Bindegewebe zählt man neben den zellulären Bestandteilen des Blutes Knorpel, Knochen, Sehnen, Bänder, Faszien und zahlreiche andere bindegewebige Strukturen, wie z. B. die Hüllgewebe von Nerven- und Muskelfasern, sowie der bindegewebige Bestandteil der Haut. Hyaliner Gelenkknorpel nimmt wegen des Fehlens von Blutgefäßen hier nochmals eine Sonderstellung ein. Dieser regeneriert sich nicht, es bildet sich lediglich collagenes Narbengewebe.

Durch Erkrankungen, Verletzungen und Operationen am Bewegungsapparat sind somit in erster Linie bindegewebige Strukturen betroffen.

Bezüglich des Heilungsverlaufes orientiert man sich daher an den für das Bindegewebe typischen Hei­lungsphasen. Diese Orientierung biete eine gute Richtschnur um abschätzen zu können, welche Sym­ptome wann und wie lange normal sind und welche nicht.

Auch wie lange die betroffene Struktur entlastet werden muss und ab welchem Zeitpunkt und in welchem Umfang Belastung für die weitere Heilung notwendig wird, lässt sich anhand der Heilungsphasen feststellen.

Es besteht allgemeiner Konsens, die die Heilung des Bindegewebes in drei Phasen einzuteilen:

Entzündungsphase, Proliferationsphase, Konsolidierungsphase

Der Übergang der einzelnen Phasen ist jedoch fliesend und sie überschneiden sich daher teilweise.

Auch kann der gesamte Heilungsverlauf erheblich vom nachfolgend aufgeführten mittleren Zeitschema abweichen. Dies ist in erster Linie abhängig von Größe der Verletzung, der Durchblutungsrate und Pro­duktivität des betroffenen Gewebes. So heilen z. B. die in der Regel schlecht durchblutete Sehnen deutlich langsamer als gut durchblutete Muskulatur.

Aber auch Faktoren wie Alter und Allgemeinzustand beeinflussen den Heilungsprozess.

So wirken sich z. B. die einschlägigen Ursachen des Metabolischen Syndroms – Übergewicht, Bewegungsmangel, Diabetes, Hyperlipidämie, Erhöhter Blutdruck, Rauchen – stark negativ auf die Wundheilung aus.

Auch falsches Verhalten kann für einen nicht optimalen Heilungsverlauf verantwortlich sein. Hierzu zählen insbesondere zu häufige und zu hohe Belastungen in der Entzündungsphase (1. – 5. Tag) wie auch zu seltene und zu geringe Belastungen vor allem in der Konsolidierungsphase.(21. – 60.) Tag oder eine zu frühe Wiederaufnahme sportlicher Aktivitäten.

Entzündungsphase ca. 0. bis 5. Tag

Die Belastbarkeit der betroffenen Strukturen beträgt nur ca. 0% bis 20%

Man kann die Entzündungsphase weiter in eine Vaskuläre Phase, und eine zelluläre Phase unterteilen:

Vaskuläre Phase 0. – 2. Tag
Verengung der Blutgefäße, Blutgerinnung im Wundbereich, Wundstabilisierung mittels Fibrin

Zelluläre Phase 2. – 5 Tag

Abwehr und Entsorgung von Keimen, Fremdkörpern und Zelltrümmern durch Abwehr- und Fresszellen

Einleiten des Wiederaufbaus des Gewebes durch Enzyme, Zytokine und Wachstumsfaktoren

Während der Entzündungsphase stellen sich die typischen Symptome  einer Entzündung, wie Schwellung Rötung Überwärmung Schmerz und dadurch bedingt Funktionseinschränkung ein.

Diese Entzündung ist physiologisch und die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass eine optimale Wundheilung überhaupt stattfinden kann. Die damit verbundenen (unangenehmen) Symptome sind völlig normal und brauchen Sie nicht zu beunruhigen.

Es kann durchaus hinterfragt werden, ob die in dieser Phase übliche Verabreichung entzündungshem­mender Medikamente im Sinne einer optimalen Wundheilung nicht

kontraproduktiv ist, zumal die durch diese Medikamente bewirkte Schmerzlinderung leicht zu Bagatelli­sierung und damit einhergehender Überbelastung führen kann.

Die Therapie der Wahl während der Entzündungsphase ist Ruhe und Entlastung.

Aktionistisches herummanipulieren durch gut meinende Physiotherapeuten, hochdosierte Ent­zündungshemmende Medikamente und vor allem Kälteanwendung sind in dieser Phase  auf jeden Fall kontraproduktiv für die Wundheilung.

Proliferationsphase ca. 5. – 21. Tag

Die Belastbarkeit der betroffenen Strukturen beträgt nur ca. 20% bis 30%

Aufbau eines provisorischen Ersatzgewebes durch Collagensynthese (Typ III) der Bindegewebszellen, Bildung neuer Blutgefäße.

In der Proliferationsphase klingen die Entzündungssympthome Schmerz, Schwellung Rötung und Überwärmung ab und sollten bis zum 14. Tag weitestgehend verschwunden sein. Wir möchten in diesem Zusammenhang jedoch nochmals darauf hinweisen, dass eine regelrecht durchlaufene Entzündungsphase mit physiologischer Entzündung die unbedingte Voraussetzung für eine optimal verlaufende Proliferationsphase darstellt.

Das durch die Bindegewebszellen neu gebildete Gewebe besteht noch nicht aus dem belastbaren Col­lagen Typ  I, welches für den Bewegungsapparat kennzeichnend ist, sondern aus nicht belastbarem Collagen Typ III, wie man es auch in den Faszien der inneren Organe vorfindet. Auch ist das Netzwerk der Kollagenen Fasern noch ungeordnet und orientiert sich nicht in Belastungsrichtung.

Eine Funktionseinschränkung, bzw. deutlich herabgesetzte Belastbarkeit des Gewebes bleibt daher noch bestehen.

Die Therapie der Wahl in der Proliferationsphase besteht in passiver oder asistiver Bewegung, ohne das neu gebildete Gewebe zu belasten. Aktive Bewegungen sind nur sinnvoll, wenn das neugebildete Gewebe dadurch nicht Belastungsstress ausgesetzt wird.

Ein Neustart der Entzündungsphase durch Überlastung sollte auf jeden Fall vermieden werden.

Konsolidierungsphase ca. 21. – 60. (360.) Tag

Die Belastbarkeit des betroffenen Gewebes beträgt zu Beginn ca. 30%, nimmt jedoch im weiteren Verlauf bis zum 60. Tag bedingt durch den Umbau wieder etwas ab um dann suczesive unter Belastungsreizen anzusteigen

Umbau des nicht belastbaren Collagens Typ III in belastbares Collagen Typ I und Ausrichtung des collagenen Netzwerkes entsprechend der Belastungsrichtung.

Für den Umbau in belastbares Collagen Typ I sind Belastungsreize in dieser Phase zwingend notwendig. Ohne Belastung findet diese Umbau nicht statt – im Gegenteil, die Belastbarkeit verringert sich sogar allmählich wieder auf deutlich unter 20%.

Es versteht sich jedoch auch von selbst, dass das Anknüpfen an die Sportlichen Glanzleistungen der Vergangenheit zu Beginn der Konsolidierungsphase keine erfolgversprechende Strategie darstellt.

Die Therapie der Wahl in der Konsolidierungsphase besteht in einer angepassten, progredi­enten Belastung der betroffenen Strukturen.

Die Rückkehr in den Sport ist, natürlich stark abhängig von der spezifischen Belastung der jeweiligen Sportart, ab etwa 3 bis 6 Monate nach Verletzung bzw. Operation möglich. Vollbelastung nach 9 bis 12 Monaten.

2019-01-31T10:19:04+00:00